40 Dinge Faschismus zu bekämpfen

Spencer Sunshine & PopMob

INHALT 

Einleitung 

I. Los geht‘s 

#01 Lernt etwas über extrem rechte Bewegungen
#02 Findet Verbündete
#03 Behaltet Neonazis vor Ort im Auge

II. Werdet aktiv

#04 Veröffentlicht eure Ergebnisse
#05 Entfernt und ersetzt Neonazi-Propaganda
#06 Bringt Gruppen und Institutionen dazu, sich gegen Neonazismus zu positionieren
#07 Erschwert es extrem rechten Gruppen sich zu treffen
#08 Widerlegt ihre Lügen
#09 Nutzt das Justizsystem
#10 Outet Neonazis zu Hause und auf der Arbeit
#11 Nehmt Neonazis den virtuellen Raum
#12 Verhindert, dass Neonazis progressive Veranstaltungen angreifen oder stören
#13 Treibt Keile zwischen Personen und Gruppen
#14 Findet neue Verbündete
#15 Organisiert antirassistische Kneipenbesuche
#16 Helft Neonazis auszusteigen

III. Seid pro-aktiv

#17 Verbreitet eure Inhalte zuerst
#18 Schafft Bildungsprogramme
#19 Organisiert Gedenkveranstaltungen
#20 Macht ein Spektakel
#21 Organisiert Trainings und Schulungen
#22 Bildet Erste-Hilfe- und Notfallteams
#23 Organisiert euch früh und wachst
#24 Sammelt Geld, bevor ihr es braucht

VI. Gegendemonstrationen  

#25 Gewinnt die öffentliche Meinung für euch
#26 Bringt die lokalen Behörden dazu, das Richtige zu tun
#27 Organisiert Gegendemonstrationen
#28 Kontaktiert lokale Geschäfte und Veranstaltungsorte
#29 Dokumentiert ihre Aufmärsche
#30 Seid gleichauf mit der Ausrüstung
#31 Spaltet die Neonazis, haltet die Genoss_innen zusammen

V. Seid unterstützend  

#32 Unterstützt Menschen, die bedroht werden
#33 Richtet einen sicheren Rückzugsort ein

#34 Helft den Familien der Opfer

#35 Helft den Verletzten
#36 Unterstützt die juristisch Verfolgten
#37 Unterstützt inhaftierte Aktivist_innen 

#38 Warnt Menschen, die bedroht werden
#39 Macht Drohungen und Angriffe öffentlich
#40 Unterstützt Communities extrem rechte Rekrutierungsversuche zurückzudrängen

Bonusrunde  

Zeigt eure größere politische Vision

Impressum 

40 Dinge Faschismus zu bekämpfen

Anmerkung der Herausgeber_innen in Deutschland: Diese Broschüre ist eine Übersetzung aus dem Amerikanischen und spiegelt die Situation in den USA wider. Bitte beachtet, dass die politischen Rahmenbedingungen und die Gesetzeslage anders sind als in Deutschland. Die politische Analyse wurde von Aktiven vor Ort vorgenommen und lässt sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Die gravierendsten Abweichungen haben wir in extra Absätzen mit ★★★markiert und kommentiert.

Einleitung

Im Januar 2017 wurde die führende Figur der »Alt-Right«, Richard Spencer, während einer Demonstration von einem Antifaschisten ins Gesicht geschlagen – das Video des Vorfalls ging viral und führte zu einer aufgeheizten öffentlichen Debatte darüber, ob es okay ist, »einen Nazi zu schlagen«. Die Diskussion kommt seitdem immer wieder auf, besonders nach Ereignissen wie dem Mord an Heather Heyer durch einen Neonazi in Charlottesville, Virginia im August 2017 oder nachdem der rechte Provokateur Andy Ngo im Juni 2019 bei einer Veranstaltung in Portland, Oregon geschlagen wurde. Im selben Jahr unterstützte der republikanische Senator Ted Cruz einen Gesetzesentwurf, der das Schlagen von Neonazis als inländischen Terrorismus (domestic terrorism) brandmarken sollte. Als Antwort auf die George Floyd-Proteste im Mai und Juni 2020 bezeichnete Präsident Trump ebenfalls diejenigen, die sich weißen Ultra-NationalistInnen (White Supremacists) in den Weg stellen, als inländische TerroristInnen (domestic terrorists).

In Wirklichkeit ist der größte Teil der Arbeit gegen Neonazis völlig legal. Die Verleumdungen haben jedoch dazu beigetragen, dass Menschen nicht mehr auf die mannigfachen, basisorientierten und legalen Möglichkeiten zurückgreifen, um gegen weiße Ultra-NationalistInnen zu kämpfen. Egal wie du zu Gewalt gegen Neonazis stehen magst, diese Broschüre zeigt dir 40 legale, basisorientierte und praktische Methoden, die sich im antifaschistischen Kampf einsetzen lassen.

Die beschriebenen Aktionen – die meisten lassen sich unabhängig vom eigenen Hintergrund, der Identität und bisher gemachten Erfahrungen anwenden – können helfen, rechte Organisierungsprozesse und die Ausbreitung ihrer Ideologie zu verhindern und somit Schaden von unseren Communities abwenden. Es wird eine Vielzahl an Taktiken (diversity of tactics) vorgestellt, die helfen sollen, den sozialen Preis für extrem rechtes Engagement nach oben zu treiben.

Trotzdem noch ein Sicherheitshinweis: Neonazis sind sehr aggressiv und du wirst mit harten Bandagen gegen sie kämpfen müssen. Du solltest nicht zögern, alle dir zur Verfügung stehenden Mittel gegen sie einzusetzen. Gleichzeitig solltest du aber auch dich selbst und dein Umfeld schützen. Es gilt nicht zu vergessen, dass Neonazis sich nicht scheuen werden, Gewalt einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen.

Begriffe, die in dieser Broschüre verwendet werden:

Die erste Auflage dieser Broschüre wurde im August 2018 unter dem Namen »40 Ways to Fight Nazis: Forty Community-Based Actions You Can Take to Resist White Nationalist Organizing« veröffentlicht. Dies verwies darauf, dass die vorgestellten Taktiken speziell darauf abzielten, gegen weiße Ultra- NationalistInnen eingesetzt zu werden – dem Teil der (extremen) Rechten, die am offensten ihre bigotte und menschenfeindliche Gesinnung zeigen.

Aber es gibt jede Menge andere (extrem) rechte Gruppierungen, die ähnlich mit weißen Ultra-NationalistInnen verbunden sind. Diese Gruppen propagieren kein explizit rassistisches Weltbild, stattdessen nutzen sie Sprachcodes um ihren Hass zu verschleiern. Viele von ihnen erlauben es people of color, Jüdinnen und Juden oder schwulen Männern beizutreten – sie befürworten aber islamophobe, einwanderungsfeindliche, transphobe und frauenfeindliche Ansichten. Typischerweise wird das als ultranationalistischer Patriotismus verkauft, der auf einem autoritären Fundament aufbaut. Diese anderen extrem rechten Fraktionen umfassen patriotische Gruppen und Milizen wie die »Oath Keepers« und »Three Percenters«, »Alt Right«-Gruppen wie die »Proud Boys« und die »American Guard«, »Patriot Prayer«, die in beiden vorher genannten Lagern Wurzeln haben und die patriarchalen Männerrechtsaktivisten. Mitglieder dieser Gruppen verbünden sich wiederum mit offenkundig weiß-nationalistischen, christlich-theokratischen, homo- und transfeindlichen sowie antisemitischen Gruppen. Wenn in der Broschüre von der extremen Rechten gesprochen wird, ist das als Oberbegriff gemeint, der sowohl weiße Ultra-NationalistInnen als auch andere Gruppen inklusive der »Proud Boys« und »American Guard« meint. Sie mögen ideologisch nicht in allem übereinstimmen, vertreten aber alle Weltanschauungen, die von einer natürlichen und nicht veränderbaren Ungleichheit der Menschen ausgehen. Und sie alle dämonisieren das »Andere« – woraus sich eine Hierarchie ergibt, die wahlweise auf »Rasse«, Ethnie, Geschlecht, Religion oder politischer Zugehörigkeit fußt. Außerdem wenden extrem rechte Gruppen oft Taktiken an, die sie mit neonazistischen Bewegungen verbinden, darunter Einschüchterung und Gewalt.

PopMob (Popular Mobilization) veröffentlichte eine Vorläufer-Broschüre in Portland, Oregon. Basierend auf ihren gesammelten Erfahrungen haben sie dabei geholfen, die Broschüre zu aktualisieren und zu überarbeiten. Leser_innen der Broschüre sollten jedenfalls vor Augen haben, dass manche Taktiken gegen bestimmte Gruppen effektiver sind als andere. Teil davon, die GegnerInnen zu kennen, ist es auch herauszufinden, welche Taktik in welcher Situation am effektivsten ist.

Schlussendlich bleibt noch die Frage der Gefahr. Viele dieser Empfehlungen sind absolut sicher, andere bringen ein gewisses Risiko mit sich. Am gefährlichsten ist es, AktivistIn zu sein, die/der öffentlich für ihre antifaschistische Haltung bekannt und leicht zu identifizieren ist. Wenn du das bist, sichere dein digitales und reales Leben. Stelle sicher, dass Familienangehörige nicht in angreifbaren Positionen sind und diskutiere Sicherheitspläne mit denen, die dir nahestehen.

★★★Extreme Rechte: Der Begriff »Far Right« wurde hier mit »extreme Rechte« übersetzt. Das liegt daran, dass Begriffe wie »rechtsaußen« im Deutschen nicht das fassen, was unter far right verstanden wird und sich hier ebenfalls die Splittergruppen und heterogenen rechten Bewegungen am ehesten unter diesem Sammelbegriff subsumieren lassen. Dabei soll keine Extremismus-Hufeisen-Theorie bedient werden, die Linke und Rechte gleichsetzt. Es macht aber beispielsweise keinen Sinn von Rechtsradikalen zu sprechen. Radikal – also etwas an der Wurzel anpacken – ist eine emanzipatorische Strategie. Rechte sind nicht radikal, der Neonazismus potenziert die bestehende Gewalt und treibt sie auf die Spitze. Insofern sind sie extrem und nicht radikal. Schwierig ist es auch den Begriff »Community« ins Deutsche zu übertragen, da diese Art der Bezeichnung von Gruppen kein Äquivalent im Deutschen hat, welches nicht den Bedeutungszusammenhang entstellen würde. Daher wurde er in den allermeisten Fällen beibehalten.

Gender Gap: Wir verwenden einen Unterstrich « zwischen männlicher und weiblicher Form eines Wortes als geschlechtsneutrale Schreibweise. Also z.B. »Leserinnen«. Damit wollen wir deutlich machen, dass neben männlichem und weiblichem Geschlecht noch andere Geschlechtsidentitäten existieren und diese ebenfalls in unseren Texten sprachlich darstellen. Ausgenommen sind hiervon Gruppen und Personen, die aufgrund ihrer Ideologie explizit für eine strikt zweigeschlechtliche Gesellschaft – bis hin zum Vernichtungswillen gegenüber Personen uneindeutigen Geschlechts, eintreten. ★★★

I. Los geht’s

#01 Lernt etwas über extrem rechte Bewegungen

Fangt damit an, etwas über die extreme Rechte zu lernen. Wie alle politischen Bewegungen setzt sich auch diese aus Einzelpersonen und Gruppen zusammen, die sich um bestimmte Themen formieren, diskursiv Einfluss nehmen, Organisationen und politische Netzwerke aufbauen, Geld sammeln, neue Mitglieder rekrutieren und die weitere Gesellschaft beeinflussen wollen.

Von außen mag die extreme Rechte wie eine geschlossene Bewegung ohne innere Widersprüche wirken, aber ihre Mitglieder sind oft zerstritten und es gibt Probleme, Grundlagen für gemeinsames Handeln zu finden. Auch wenn sie alle einer Bewegung zugerechnet werden können, ist es wichtig, die Unterschiede zu kennen, um entscheiden zu können, wie man am besten gegen sie vorgeht.

Informationen über extreme Rechte und Neonazismus sind bereits vielfach vorhanden. Schaut euch die von ihnen produzierte Propaganda an, auch Artikel, Bücher, Videos und die Kanäle in den Sozialen Medien. Das wird helfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich extreme Rechte und Neonazis ausdrücken, aussehen und denken.

Weil sie wissen, dass ihre Ideen als hasserfüllt gelten, nutzen sie häufig Symbole, Kürzel und unverfängliche Formulierungen, um ihre Ideen zu verbreiten, ohne dabei ihr wahre Gesinnung auszudrücken – eine Taktik, die sich unter »Kodierung« und »dog-whistles« zusammenfassen lässt. Lernt ihre Sprache.

#02 Findet Verbündete

Auch wenn es überregionale Organisationen und Medien gibt, die extrem rechte Aktivitäten beobachten, können sie nicht alles erfassen, was in jeder einzelnen Stadt passiert. Hier gilt es anzusetzen!

Diese Art des Aktivismus ist eine Menge Arbeit und funktioniert 
am besten mit Menschen, mit denen man gut zurechtkommt. Bezugsgruppen, Organisationen und Bündnisse zu bilden, wird euch helfen, wesentlich mehr zu schaffen und da mehr als genug getan werden muss, wird es nötig sein, sich zu koordinieren und zu spezialisieren.

#03 Behaltet Neonazis vor Ort im Auge

Wenn ihr einmal die örtlichen rechten Gruppen ausfindig gemacht habt, solltet ihr sie im Auge behalten und ihre Aktivitäten beobachten. Dokumentation ist dabei absolut notwendig. Dokumentiert und archiviert alles über ihre Gruppen, Projekte, Kanäle in Sozialen Medien, Internetseiten, Flyer, Bücher, Treffen und Feste. Stellt sicher, alles genau aufzuschreiben und von wirklich allem Screenshots zu machen, denn ihr wisst nie, was noch passiert und wofür es sich als nützlich erweisen könnte. Die extreme Rechte tendiert dazu, sich unterhalb des Radars zu formieren, daher wird es einiges an Mühe kosten, ihre Aktivitäten zu erfassen.

Fangt mit öffentlich verfügbaren Informationen an, wie Internetseiten, Foren und Accounts in Sozialen Netzwerken. Als nächstes erstellt falsche Profile in Sozialen Netzwerken, auch Fake Accounts, zur Infiltration. Eure Fake Accounts werden gegebenenfalls mit Neonazis interagieren müssen, um Zugang zu geschlossenen Gruppen zu erhalten. Teilt auf keinen Fall etwas mit, was dabei helfen könnte, eure Identität offenzulegen oder wodurch ihr den Zugang zu euren Fake Accounts verlieren könntet.

Sammelt Informationen wie Namen, Bilder, Wohnadressen, Arbeitsstellen, Accounts in Sozialen Netzwerken, kriminelle Aktivitäten, organisatorische Zusammenhänge und Daten zu Veranstaltungen, die angekündigt werden. Beobachtet Demonstrationen und wenn möglich identifiziert diejenigen, die gekommen sind.

In eurem alltäglichen Leben solltet ihr aber ruhig bleiben und niemanden wissen lassen, dass ihr diese Arbeit macht – auch nicht, wenn ihr sie veröffentlichen wollt. (Das sollte auch so sein, wenn ihr bereits als Aktivist_innen öffentlich bekannt seid. Offenbart diesen Zweig eurer Arbeit nicht, wenn nicht unbedingt notwendig.) Anonymität erweitert euren Handlungsrahmen und schützt euch.

II. Werdet aktiv

#04 Veröffentlicht eure Ergebnisse

Auch wenn Neonazis inzwischen wesentlich mehr im Mainstream angekommen sind als noch vor ein paar Jahren – denkt an Trumps berüchtigte Erklärung, sie seien »sehr nette Leute« – hat das Outen von Neonazis immer noch direkte Auswirkungen auf ihr Leben.

Es gibt verschiedene Wege, wie ihr das tun könnt. Manchmal braucht es nur ein paar gut platzierte Flyer/Plakate oder eine koordinierte Telefonkampagne, damit ein Neonazi seinen Job verliert. Manche Gruppen betreiben Blogs, auf denen sie die Ergebnisse ihrer Recherche oder Bilder von Veranstaltungen veröffentlichen. Andere Gruppen veröffentlichen regelmäßige Berichte über die Aktivitäten von Neonazis in ihrer Region.

Alternativ könnt ihr eure Ergebnisse auch lokalen Journalist_innen zukommen lassen. Dadurch bleibt ihr selbst unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung. Artikel in Mainstream Medien haben normalerweise einen größeren Einfluss als Informationen, die direkt von Aktivist_innen veröffentlicht werden.

★★★ Anmerkung: Die Veröffentlichung von persönlichen Daten wie Namen und Adressen
 in Verbindung mit neonazistischen Aktivitäten
 ist in Deutschland nicht in jedem Fall legal.
Hier gilt es abzuwägen, wann was veröffentlicht wird bzw. werden kann und auf welchem Weg dies geschieht. Dabei die eigene Anonymität zu wahren, ist in jedem Fall ratsam. ★★★

#05 Entfernt und ersetzt Neonazi-Propaganda

Lasst der extremen Rechten keinen Raum! Oft werden extrem rechte Plakate und Sticker in der Nähe von Universitäten, in Wohngegenden, religiösen Einrichtungen oder Ausgehvierteln angebracht. Haltet die Augen offen und entfernt sie umgehend – im Idealfall überklebt ihr z.B. rechte Sticker mit antifaschistischen Motiven. Zum einen lässt das Neonazis erkennen, dass ihre Propaganda nicht erwünscht ist, zum anderen vermittelt es jenen, die von ihnen bedroht werden, Rückhalt und Sicherheit aus der Community.

Selbst in Gegenden, wo extreme Rechte eine größere Unterstützung erfahren, ist es wichtig Präsenz zu zeigen. Denkt daran, dass Communities nirgends politisch völlig homogen sind. Unterstützt Communities in ihren Versuchen, Neonazis zurückzudrängen, wo immer es möglich ist.

Zum Beispiel könnt ihr vor einer rechten Demonstration Flyer in der betroffenen Gegend an die Menschen verteilen, die dort leben und arbeiten. Das kann auch als Möglichkeit genutzt werden, um von Tür zu Tür zu gehen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Seid dabei so nett und freundlich, und auch so ehrlich wie möglich.

#06 Bringt Gruppen und Institutionen dazu, sich gegen Neonazismus zu positionieren

Findet heraus, welche Gruppen, Institutionen oder professionelle Organisationen Neonazis versuchen zu unterwandern oder als Basis für ihre Rekrutierung zu nutzen. Versucht diese dazu zu bringen, sich öffentlich gegen Neonazismus im Allgemeinen, und seine lokalen Auswüchse im Speziellen, zu positionieren.

Beispiel: 2018 verabschiedete die Sioux Falls AFL-CIO Gewerkschaft eine Satzung, die explizit darauf abzielte, (Neo)FaschistInnen auszuschließen. Darin steht: »Niemand darf als Officer, Mitglied des Executive Boards oder eines Komitees arbeiten, oder andere Funktionen erfüllen, als Delegierter, Repräsentant oder Angestellter hiervon auftreten, der Mitglied einer faschistischen oder rassistischen Organisation ist. Ebenso nicht, wer dauerhaft im Sinne von faschistischer oder rassistischer Ideologie handelt.«

★★★ Anmerkung: Es kommt in Deutschland relativ selten vor, das die extreme Rechte oder Neonazis erfolgreich Organisationen kapern oder unbemerkt rekrutieren können, ohne dass dies einen größeren Widerspruch erfährt (immer wieder bilden hier Sportvereine traurige Ausnahmen). Was an dem Punkt für uns jedoch übertragbar und notwendig scheint, ist die Tatsache, dass es immer wieder wichtig ist, darauf hinzuwirken, dass Vereine, Parteien, Gewerkschaften etc. eine Zusammenarbeit z.B. mit der AfD ablehnen – auch wenn diese nicht in Parteifunktionen auftreten. ★★★

#07 Erschwert es extrem rechten Gruppen sich zu treffen

Der erste Zusatz zur Verfassung der USA garantiert, dass die Regierung nicht in die Redefreiheit eingreifen darf. Aber Privatpersonen trifft keine Verpflichtung, ihr Eigentum von Neonazis nutzen zu lassen. Und auch ihr selbst habt nach dem ersten Verfassungszusatz das Recht, Konferenzhallen, Konzert- und Vortragsräume, Galerien und Restaurants anzurufen und sie zu bitten, die Buchungen von extrem rechten Gruppen zu stornieren.

Manchmal werden Veranstaltungsorte eine Stornierung aus finanziellem Gewinnstreben ablehnen. In diesem Fall könnt ihr eine öffentlichkeitswirksame Kampagne organisieren, um Druck für eine Absage aufzubauen. Falls nötig, droht mit einem Boykott, stellt aber sicher, dass dieser erfolgt, sollte die Veranstaltung stattfinden. Wenn ein Veranstaltungsort die Auswirkungen eines größeren Boykotts zu spüren bekommt, werden andere in Zukunft leichter zu überzeugen sein.

Bietet jenen Veranstaltungsorten, die sich entschieden haben, das Richtige zu tun, Unterstützung an. Öffentliche Wertschätzung ist ein guter Anfang, aber ihr könnt auch auf anderem Weg helfen. Sollten extrem rechte Gruppen die Location bedrohen, nachdem eine Veranstaltung abgesagt wurde, könnt ihr Begleitschutz zu Autos oder Bushaltestellen für die Mitarbeitenden, die abschließen müssen, anbieten. Sollte jemand die Scheiben einschmeißen oder im Laden randalieren, nachdem eine Veranstaltung abgesagt wurde, sammelt öffentlich Geld, um den Schaden zu reduzieren. Das hilft eine Gemeinschaft aufzubauen, die sich Neonazis widersetzt.

Beispiel: In New York City mussten zwei Läden dauerhaft schließen, nachdem dort Neonazi-Konzerte stattfanden. Danach wurde es wesentlich leichter, andere Veranstaltungsorte zu überzeugen, solche Events abzusagen.

★★★ Anmerkung: Häufig mieten extrem rechte Gruppierungen unter falschen Namen oder unter falschen Angaben Räume an. Hier hilft auch die Recherchearbeit weiter, um Ladeninhaber_innen darüber zu informieren, wenn sie getäuscht wurden. Auch in Deutschland ist selbstverständlich keine Privatperson verpflichtet, Räumlichkeiten Neonazis zu überlassen. Veranstaltungsorte und Vermieter_innen können in ihren Mietverträgen pauschal eine Klausel aufnehmen, welche die Nutzung der Räume für rassistische, antisemitische und extrem rechte Zwecke untersagt. ★★★

#08 Widerlegt ihre Lügen

Extreme Rechte sind geübt darin, ihre Punkte mittels verschiedener Phrasen in politische Debatten einzubringen. Diese beinhalten auch Mythen und Falschinformationen über einen »Genozid an Weißen«, Black-on-Black-Crime (also Verbrechen die von Schwarzen an Schwarzen verübt werden) und eine vermeintlich jüdische Kontrolle der Medien. Solche Thesen öffentlich zu besprechen, kann sie als diskussionswürdig erscheinen lassen. Eine Liste mit neonazistischen »Argumenten« und entsprechenden Gegenargumenten in Umlauf zu bringen, kann ein Mittel für Leute sein, solche Diskussionen in persönlichen Auseinandersetzungen zu gewinnen.

★★★ Anmerkung: Besonders die Lüge der Identitären vom »großen Austausch«, der sowohl antisemitische als auch rassistische Stereotype bedient, findet in Deutschland und Österreich immer wieder Einzug in politische Debatten. Black-on-Black-Crime ist hier kein Thema wie in den USA, allerdings wird hier nicht-weißen Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe oft rassistisch pauschal Kriminalität unterstellt. ★★★

#09 Nutzt
 das Justizsystem

Sowohl Anwält_innen als auch Regierungen können Neonazis behindern. Wenn es mit euren politischen Ansichten vereinbar ist, solltet ihr rechtliche Mittel in Betracht ziehen. Rechtliche Schritte können einen erheblichen Schaden für Neonazis bedeuten, allein schon weil es nicht allzu viele Anwält_innen gibt, die sie umsonst vertreten. Selbst wenn sie am Ende gewinnen sollten, kann es sie über Jahre beschäftigen und Ressourcen sowie finanzielle Mittel binden.

Beispiel: Eine Zeit lang verlor das extrem rechte »National Policy Institute« von Richard Spencer den Status der Gemeinnützigkeit, da sie es nicht schafften, die notwendigen Unterlagen einzureichen. Das »Southern Poverty Law Center« hat erfolgreich Prozesse gegen die größten rassistischen Gruppierungen geführt und diese damit in den Ruin getrieben – 2019 gewannen sie auch eine 14 Millionen Dollar Klage gegen den Neonazi Andrew Anglin. Im Juni 2020 steht noch die Verhandlung des Falls Sines vs. Kessler aus. [Anmerkung: Verlegt auf Juni 2021]. Er richtet sich gegen den Organisatoren der »Unite the Right« Demo 2017 in Charlottesville. Doch bereits jetzt hat Jeff Shoep durch den erwarteten Prozess sein Engagement im »National Socialist Movement« eingestellt, welches er über 25 Jahre geleitet hatte. Auch andere wie Richard Spencer sind hierdurch verhältnismäßig ruhig geworden und befinden sich in anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten.

★★★ Anmerkung: Wollt ihr rechtliche Schritte gegen Neonazis einleiten, solltet ihr euch darüber im Klaren sein, dass auch auf euch größere Kosten zukommen könnten. Anzeigen erstatten kostet natürlich nichts, aber hierdurch können eure persönlichen Daten an Neonazis gelangen, bei zivilrechtlichen Verfahren auch, außerdem kommen hier Anwaltskosten auf euch zu. Wir raten in jedem Fall dazu, euch mit lokalen antifaschistischen Strukturen abzusprechen, bevor ihr rechtliche Schritte einleitet. ★★★

#10 Outet Neonazis zu Hause und auf der Arbeit

Nachdem ihr die Schlüsselfiguren der Szene identifiziert habt – also vor allem die Führungsfiguren und besonders Gewaltbereite – findet heraus, wo sie leben und arbeiten. Ruft ihre Arbeitgeber_innen an und erzeugt Druck, die Neonazis aus ihren Betrieben zu entlassen. Informiert Nachbar_ innen mit Flyern, Briefen oder persönlichen Besuchen. Bittet die umliegenden Geschäfte und Lokale, die Neonazis nicht mehr zu bedienen. Ihr könnt auch Kundgebungen vor ihren Häusern organisieren – eine Taktik, die meist gegen die in den USA lebenden NaziverbrecherInnen aus dem Zweiten Weltkrieg angewandt wurde.

Beispiel: Einer von Richard
 Spencer’s Weggefährten,
 Jeff Dietz, wurde im November 2019 geoutet. Aktivist_innen verteilten in dem
 Block in Brooklyn, in dem er 
arbeitete, Flugblätter und
 stellten die Informationen online. Binnen Tagen musste sein Büro schließen und er wurde sogar aus seiner Band geschmissen.

★★★ Anmerkung: Beachte auch hier unser Anmerkung bei #04 zur Situation in Deutschland. ★★★

#11 Nehmt Neonazis den virtuellen Raum

Politische Bewegungen brauchen Onlineplattformen für Finanztransaktionen – wie Stripe, Venmo und Paypal – um Spenden zu empfangen, genauso wie Plattformen Sozialer Medien, um Kontakt zu ihren AnhängerInnen zu halten. Ihnen den Zugriff auf diese Plattformen zu entziehen, behindert ihre Möglichkeiten zur Rekrutierung und Verbreitung ihrer Inhalte erheblich. Genau wie bei physischen Räumen haben Betreiber_innen von Onlineplattformen keine Verpflichtung, die extreme Rechte als KundInnen/NutzerInnen zu akzeptieren und sie können dazu gedrängt werden, das Richtige zu tun.

Beispiel: Nachdem Twitter, Instagram, Facebook, Venmo, Paypal und der australische Staat 
den »Posterboy der extremen Rechten«, Milo Yiannopoulos verbannt hatten, räumte dieser ein, mit Vorträgen kein Geld mehr verdienen zu können und zum Ende des Jahres 2019 mit vier Millionen Dollar verschuldet zu sein. Als aufgedeckt wurde, dass er die Veröffentlichung seines berühmten Breitbart Artikels, der die »Alt Right« berühmt gemacht hatte,
direkt mit Neonazis koordinierte,
wirkte sich die Reaktion auch auf
 den Milliardär Robert Mercer
 aus, der ihn zuvor finanzierte.
 Durch Enthüllungen im Skandal um Yiannopoulos musste
 auch Mercer als Co-Geschäftsführer seines Hedge-Fonds zurücktreten.

#12 Verhindert, dass Neonazis progressive Veranstaltungen angreifen oder stören

Neonazis werden bei progressiven Veranstaltungen auftauchen, um sie zu stören oder die Teilnehmenden auszuspionieren. In den vergangenen Jahren wurden Anti-Repressions-Trainings, Vorbereitungstreffen für Demonstrationen, der Frauentag oder 1. Mai Demonstrationen von der extremen Rechten gestört.

Eine bevorzugte Taktik von Neonazis ist es, Kämpfe anzufangen, während sie die Leute filmen – in der Hoffnung sie später anzuzeigen, verhaften zu lassen oder zu identifizieren und bedrohen zu können. Nehmt ihnen diese Möglichkeit, indem ihr ein Team für die Sicherheit der Veranstaltung aufstellt. Seid hierbei darauf bedacht, dass das Team die lokalen Neonazis kennt und in aufgeheizten Situationen deeskalieren oder intervenieren kann. Wenn extrem rechte Störer Aktivist_innen filmen, können skurrile Barrieren wie Hula-Hoop-Reifen in Luftpolsterfolie ihre Aufnahmen ruinieren.

Wird eine Veranstaltung gestört, stellt sicher, dass dies einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird. Es kann als Warnsignal für zukünftige (gewalttätige) Angriffe dienen.

★★★ Anmerkung: In Deutschland und Österreich werden häufig Wahlstände der AfD bzw. Stände der Identitären mit Regenschirmen »abgeschirmt«. Diese können auch einen effektiven Schutz gegen unerwünschte Filmaufnahmen bieten. ★★★

#13 Treibt Keile zwischen Personen und Gruppen

Wenn ihr beobachtet, wie die extreme Rechte versucht, mit Gruppen des konservativen Mainstreams zusammenzuarbeiten, wendet euch an diese. Wenn ihr konkrete Beweise über die extrem rechte Einstellung vorlegen könnt, werden die meisten normalen Konservativen sich von Leuten mit eindeutig neonazistischen Ansichten oder gewaltaffinen Personen abgrenzen. Sollten sie dies nicht tun, nutzt die Sozialen Medien und die Presse, um die Aufmerksamkeit auf ihre Zusammenarbeit zu lenken.

#14 Findet neue Verbündete

Wenn sich die extreme Rechte in eurer Gegend organisiert, nutzt dies als Möglichkeit, neue Kontakte außerhalb eurer üblichen sozialen und politischen Kreise zu knüpfen. Neonazis bedrohen so viele verschiedene Menschen, dass ihr sehr viele potenzielle Verbündete finden werdet. Das können Menschen sein, die zu historisch unterdrückten Minderheiten gehören (wie nicht-weiße Menschen oder die LGBTIQ Community), Gruppen, in denen sich Migrant_innen oder Geflüchtete organisieren oder die eben diese unterstützen, religiöse Gruppen (besonders Muslim_innen oder Jüdinnen und Juden), Feminist_innen oder Menschen, die sich für die Anerkennung von Carearbeit einsetzen, Gewerkschaften oder Organisationen, die sich für das Erinnern und Gedenken an historische Verbrechen einsetzen (wie die Sklaverei, Lynchmorde, den Holocaust oder der Genozid an den amerikanischen Ureinwohner_innen).

Scheut euch nicht um Hilfe zu bitten! Kontaktiert jene, die ihr für gute Bündnispartner_innen haltet und seid ihnen gegenüber offen damit, wer ihr seid, was ihr braucht und was ihr erreichen wollt – und auch was ihr im Gegenzug anbieten könnt. Nehmt euch Zeit, ihre Anliegen zu verstehen und fragt, wie ihr sie unterstützen könnt. Vertrauen entsteht langsam und durch gemeinsames Arbeiten, aber irgendwo und irgendwann muss es beginnen.

Beispiel: Die »Proud Boys« kündigten gemeinsam mit patriotischen Gruppen und Bürgerwehren an, um die tausend AnhängerInnen zu einer Demo im August 2019 in Portland, Oregon unter dem Motto ‚Besiegt den Terrorismus der Antifa‘ zu mobilisieren. Trotz Androhung von Gewalt und einer panikmachenden Pressekonferenz der Stadt organisierten neun verschiedene Gruppen – religiöse Gruppierungen, NAACP, Rose City Antifa, Democratic Socialists of America und the kiki ballroom House of Flora – den Gegenprotest. Am Ende liefen knapp 300 »Proud Boys« circa 30 Minuten und mussten mit einem massiven Polizeiaufgebot zu ihren Autos gebracht werden, um die Stadt zu verlassen. Sie kündigten an, jeden Monat wieder zu kommen – es folgte jedoch kein weiterer Aufmarsch.

#15 Organisiert antirassistische Kneipenbesuche

Wenn Neonazis in der Öffentlichkeit trinken, organisiert antirassistische Kneipenbesuche in den Bars, die von ihnen besucht werden. Soziale Events helfen nicht nur dabei die Beziehungen untereinander zu verbessern, solche Kneipenbesuche lassen Neonazis auch wissen, dass ihre Treffpunkte bekannt sind – und machen den Bars klar, dass sie ein Problem haben. In ähnlicher Weise werden manchmal Viertel zur »Nazifreien Zone« erklärt und Patrouillen aufgestellt, um sicher zu gehen, dass es so bleibt.

#16 Helft Neonazis auszusteigen

Die Menschen, die sich in der extremen Rechten sammeln, sind Teil unserer Gesellschaft. Während es zwar möglich ist, sie gesellschaftlich zu isolieren, ist der einzige Weg, sie zum Verschwinden zu bringen, sie aus ihrer Bewegung zu lösen. Aussteiger_innenprogramme helfen, so etwas umzusetzen.

Organisationen wie »Life after Hate« oder das »Free Radicals Project« werden von ehemaligen Mitgliedern extrem rechter Gruppen betrieben und helfen derzeit aktiven Neonazis, aus der Bewegung auszusteigen. Bewerbt solche Programme und wo immer möglich, ermutigt und helft Neonazis auszusteigen.

★★★ Anmerkung: Auch in Deutschland gibt es verschiedene Aussteiger_innenprogramme. Diese leisten wichtige Arbeit, doch gibt es an einigen Anbietern auch berechtigte Kritik wegen ihrer Nähe zu Geheimdiensten oder parallel angebotenen Aussteiger_innenprogrammen für »Linksextreme«. Aus antifaschistischer Sicht muss immer genau zwischen privatem Rückzug aus der organisierten Neonazi-Szene, einem Wechsel in die »seriösere« Rechte und einem tatsächlichen (ideologischen) Ausstieg differenziert werden (vgl. AIB Nr. 74 (1.2007): »Aussteiger, Rückzieher, Aufhörer, Austreter«). Bei Versuchen, Neonazis selbst den Ausstieg zu ermöglichen, ist allerdings größte Vorsicht angebracht. Man sollte Alleingänge unterlassen und nicht ohne Absprache mit der eigenen Gruppe und den entsprechenden Organisationen handeln. Es ist schon vorgekommen, dass Neonazis einen Ausstiegswillen vorgetäuscht haben und sich Vertrauen von Antifaschist_innen erschlichen haben, um so sensible Daten von ihnen zu sammeln. Auf der Homepage www.antifainfoblatt.de findet sich das Dossier »Aussteiger, Rückzieher, Aufhörer, Austreter«, welches Texte zu diesem Themenfeld beinhaltet. ★★★

III. SEID PROAKTIV

#17 Verbreitet eure Inhalte zuerst

Linke Aktivist_innen / Antifaschist_innen hangeln sich oft von einer Intervention oder Krise zur nächsten, verfolgen dabei keine langfristigen Projekte und Ziele und bauen selten Infrastruktur auf. Im Kampf gegen Neonazis ist es auch wichtig, proaktiv zu sein. Das bedeutet zwar komplexe, komplizierte Arbeit und birgt Risiken – aber gute Planung und der langfristige Aufbau von Infrastruktur kann helfen, beides zu meistern.

Macht die Ablehnung von Rassismus und menschenfeindlichen Einstellungen in eurer Gegend sichtbar mit Flyern, Stickern, Plakaten, Schildern oder Aushängen in Fenstern. Extreme Rechte werden weniger in einem Viertel rekrutieren wollen, in dem sich die Öffentlichkeit klar positioniert.

Beispiel: Online könnt ihr euer Profilbild entsprechend gestalten und gute Hashtags und Gifs benutzen. Benutzt Hashtags wie #EverydayAntifascist und #AUnitedFront, verbreitet Memes mit euren Inhalten und baut Symbole wie das der Eisernen Front in Logos von Sportvereinen ein, die ihr gut findet.

★★★ Anmerkung: Sticker und Plakate kleben ist natürlich immer super, aber wenn ihr aus euren Privatwohnungen Fahnen, Plakate oder sonst etwas hängt, bedenkt dabei immer, dass ihr euch dabei auch angreifbar für Neonazis macht. Es ist also nicht unwichtig, vorher zu wissen, wo die lokalen Neonazis wohnen und auch, dass es möglichst keine Einzelaktion ist. ★★★

#18 Schafft Bildungsprogramme

Organisiert öffentliche Vorträge, Lesegruppen und Seminare. Ihr könnt diskutieren, was Faschismus ist, wie Neonazis heute aussehen, wie sie auftreten und wie man sich ihnen widersetzen kann. Viele Expert_innen werden gerne bei euch sprechen, aber denkt auch über Videoschaltungen nach, wenn es schwer sein sollte, Redner_innen in eure Stadt zu bekommen.

★★★ Anmerkung: Bildungsangebote findet ihr in Deutschland beispielsweise beim apabiz.de, bei aspberlin.de oder dem Antirassistischen Bildungsforum Rheinland. ★★★

#19 Organisiert Gedenkveranstalt- ungen

Fast überall gibt es eine Geschichte von faschistischer, rassistischer oder menschenverachtender Gewalt. Organisiert Gedenkveranstaltungen für die Opfer und sprecht darüber, was wir heute daraus lernen können. Es können zum Beispiel Umzüge zu den Gräbern der Opfer von FaschistInnen oder Gedenkfeiern an Tatorten veranstaltet werden. Ihr könnt auch Veranstaltungen organisieren, um an rassistische Gewalt wie Lynchmorde oder an Anschläge auf religiöse Einrichtungen oder Vertreibungen von Minderheiten zu erinnern.

★★★ In Deutschland lässt sich überall etwas finden, um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wach zu halten. Aber auch die deutsche Kolonialgeschichte ist kaum aufgearbeitet und es gibt jede Menge Denkmäler für äußerst fragwürdige Personen. Ebenso kann man den vielen Opfern der neonazistischen Gewalt der letzten Jahrzehnte gedenken – die Opfer des NSU, aus Hanau oder Halle, um nur sehr wenige Anhaltspunkte zu nennen. ★★★

#20 Macht ein Spektakel

Künstler_innen können helfen, politische Aktionen unwiderstehlich zu machen. Fragt nach ihrer Hilfe bei der Unterstützung von Spendenkampagnen oder beim Layout um schöne Flugblätter zu gestalten. Bringt Musiker_innen und Tänzer_innen dazu, zu euren Demonstrationen zu kommen und aufzutreten. Begegnet Neonazi-Propaganda damit, lebendiger, unterhaltsamer und zugänglicher zu sein. Macht eure Aktionen zu einer Party, auf der jede_r sein will – und wenn ihr nicht wisst, wie das geht, findet eine_n Veranstalter_in, die/der euch hilft.

★★★ Anmerkung: In Deutschland gibt es etliche solcher Projekte. Die Bands, Künstler_innen und Kulturschaffenden von »Kein Bock auf Nazis« (keinbockaufnazis.de) fördern beispielsweise eine nicht-rechte Jugendkultur, informieren, zeigen Präsenz und sind auf Festivals direkt ansprechbar. Kulturkampagnen / Kulturprojekte (nochnichtkomplettimarsch.de oder fusion-festival.de) sind etwa in Mecklenburg-Vorpommern aktiv. ★★★

#21 Organisiert Trainings und Schulungen

Ihr könnt die Aufmerksamkeit auf die extreme Rechte lenken und gleichzeitig in eurer Umgebung nützliches Skillsharing und Trainings anbieten. Das kann erste Hilfe, Selbstverteidigung, analoge und 
digitale Sicherheit oder Zivilcourage-Training beinhalten. Solche Trainings und Schulungen können auch eine Öffentlichkeit für euch erzeugen und eine Gelegenheit sein, Menschen kennenzulernen, die konkrete Arbeit machen und Aufgaben übernehmen wollen.

#22 Bildet Erste-Hilfe- und Notfallteams

Gewalt ist zentral im (Neo)Faschismus – wenn sich Neonazis in eurer Gegend organisieren, wird es Notfälle geben. Ihr werdet auch kurzfristige Benachrichtigungen bekommen, wenn sie unangekündigte Veranstaltungen abhalten – was nach Charlottesville die Regel wurde. Stellt sicher, dass die Mitglieder der Notfallteams spontan aktiv werden können, wenn ihr informiert werdet.

Idealerweise sollten sie sich mit erster Hilfe, aber auch mit Selbstverteidigung auskennen (wobei eine Reaktion auf einen Notfall oder eine spontane Ansammlung nicht notwendigerweise eine direkte Konfrontation beinhalten muss). Zusätzlich zu persönlicher Sicherheit können auch Fahrdienste für marginalisierte Menschen organisiert werden, wenn in der Gegend eine Veranstaltung von Neonazis stattfindet.

#23 Organisiert euch früh und wachst

Es gibt nicht den einen Weg Neonazismus zu bekämpfen. Je breiter aufgestellt und vorbereitet die Gruppen und Bündnisse sind, die ihr aufbaut, desto besser. Achtet darauf, Menschen mit notwendigen Fähigkeiten zu organisieren, nicht erst dann, wenn ihr sie dringend braucht und noch finden müsst. Beispielsweise gibt es immer einen Bedarf an Grafikdesigner_innen, Therapeut_innen, Anwält_innen, Journalist_innen, Übersetzer_innen, Informatiker_innen und (zugelassenen) Securities.

Viele Menschen können nicht in der ersten Reihe stehen, aber zum Beispiel einem/einer geouteten bzw. »gedoxten« Aktivist_in einen neuen Haarschnitt verpassen oder ein Auto professionell umlackieren (Doxing bedeutet, dass Neonazis Informationen zu einer Person veröffentlichen, um damit Aufmerksamkeit auf diese zu lenken oder sie einzuschüchtern; das kann die Veröffentlichung von einem Bild, der Wohn- und Arbeitsadresse, Social Media Accounts, politischen Verbindungen oder andere Details beinhalten). Diese Beispiele von Aktivismus mögen sich wie kleine Beiträge anfühlen, aber sie können entscheidend für ein Sicherheitsnetz sein, wenn Neonazis eine Person suchen.

★★★ Anmerkung: Im Original wird nicht von geouteten Aktivist_innen sondern von »doxed activist« gesprochen. Das trifft es wesentlich besser, weil das Outing impliziert, dass man vor der Community oder dem Umfeld bloßgestellt würde, was bei Antifaschist_innen nicht zutrifft. Das Doxing dient nur dem Zweck, Personen zu zeigen, dass sie Ziele sind und mit Angriffen zu rechnen haben. ★★★

#24 Sammelt Geld, bevor ihr es braucht

Eine politische Bewegung braucht Geld. Das kann für Transporte, Kunst, Werbung, Anwält_innen oder Kautionen sein. Und weil es immer besser ist, das Geld schon in der Hand zu haben, wenn es gebraucht wird, sammelt es, bevor ihr es benötigt.

Beispiel: Neonaziaufmärsche können in Spendenläufe umgewandelt werden. Es kann dann pro Teilnehmenden oder gelaufenem Kilometer gespendet werden – und so gleichzeitig ein schlechter Tag zu einem guten gemacht werden. In Zusammenarbeit mit neun anderen Gruppen konnte PopMob im August 2019 bei einem »Proud Boys« Aufmarsch über 36.000 Dollar für Causa Oregon, eine Rechtshilfegruppe für Migrant_innen, sammeln.

IV. Gegendemonstrationen

Aktivismus bringt es. Unsere Taktiken sollten sich zwar weiterentwickeln und an die jeweilige Situation anpassen, doch einer der wirksamsten Wege zur Veränderung war schon immer das Zusammenkommen auf der Straße.

Große öffentliche Veranstaltungen, die explizit extrem rechts oder neonazistisch sind, sind sehr selten. 2017 zählten zum Beispiel nur drei extrem rechte Demonstrationen mehr als hundert Teilnehmende – obwohl es für die Neonazis das erfolgreichste Jahr seit mehreren Dekaden war.

Gegendemonstrationen, die in Sicht- und Hörweite stattfinden, können eine größere öffentliche Wahrnehmung verhindern, die Unterstützung eurer Anliegen attraktiver machen und eventuell das extrem rechte Event in den Schatten stellen.

#25 Gewinnt die öffentliche Meinung für euch

Soziale Medien und Pressemitteilungen können eine große Menge an Menschen beeinflussen, aber ihr müsst wissen, wie ihr sie einsetzt. Nutzt eine Sprache die der Zielgruppe, die ihr erreichen wollt, angemessen ist. Memes, Comics, Videos und kurze Artikel, die umgangssprachlich verfasst sind, können Menschen zugängliche und unterhaltsame Wege bieten, sich mit dem Kampf gegen die extreme Rechte auseinanderzusetzen.

#26 Bringt die lokalen Behörden dazu, das Richtige zu tun

Bringt die örtlichen Behörden dazu, in Gegenden, in denen man eine Genehmigung für Demonstrationen braucht, diese für Neonazi-Aufmärsche zu verweigern.

Beispiel: Nach Charlottesville verweigerten die Behörden die Genehmigung für eine extrem rechte Kundgebung mit dem Titel »No to Marxism in America« in Berkeley. Erst nachdem öffentlicher Druck entstand, machten sich die Behörden überhaupt die Mühe, den Antrag zu prüfen und stellten fest, dass er unvollständig war und nie hätte genehmigt werden dürfen.

★★★ Anmerkung: Ob staatliche Behörden ein geeigneter Verbündeter in der politischen Auseinandersetzung sind und ob der Ruf nach Verboten politisch sinnvoll ist, müssen politische Gruppen vor Ort diskutieren und entscheiden. Nach dem deutschen Versammlungsgesetz bedürfen Demonstrationen in Deutschland aber auch keiner Genehmigung, sie müssen nur spätestens 48 Stunden vor ihrer Bekanntgabe bei der Ordnungsbehörde angemeldet werden (sofern es sich nicht um eine Spontanversammlung aus aktuellem Anlass handelt). Demonstrationen können jedoch in engen Grenzen verboten, durch bestimmte Auflagen eingeschränkt oder aufgelöst werden, soweit dies zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung erforderlich ist. ★★★

#27 Organisiert Gegendemonstrationen

Wenn Neonazis demonstrieren, solltet ihr auch auf der Straße sein. Aber wenn ihr eine Gegendemonstration organisiert, denkt daran, dass sie wahrscheinlich versuchen werden, die Organisator_innen, Teilnehmende und Unterstützer_innen zu doxen oder zu bedrohen. Also trefft Vorsichtsmaßnahmen. Stellt zum Beispiel die Teilnehmer_innenliste bei einem Facebookevent so ein, dass sie nicht öffentlich einsehbar ist.

Große Demonstrationen sind eine Menge Arbeit, die wesentlich mehr beinhaltet, als auf die Straße zu gehen. Das kann zum Beispiel sein, einen Treffpunkt für die Planung zu finden, Genehmigung und Equipment zu organisieren, zur Demonstration zu mobilisieren, Spenden zu sammeln (was sowohl vorher als auch nachher nötig sein kann), eine Rechtshilfegruppe zusammenzustellen und Sanitäter_innen für die Demonstration zu finden.

#28 Kontaktiert lokale Geschäfte und Veranstaltungsorte

Wenn ein extrem rechtes Event ansteht, ermutigt die umliegenden Läden, Neonazis abzuweisen, wenn sie auftauchen sollten. Verbreitet Bilder von bekannten Neonazis (Beachtet in Deutschland die Anmerkungen aus #04) und von Symbolen, die sie erkennbar machen. Warnt lokale Hotels, Restaurants und Bars. Stellt dabei sicher, denjenigen Unterstützung zuzusichern, die ihr Geld nicht nehmen (#07).

#29 Dokumentiert ihre Aufmärsche

Hochauflösende Videos und Fotos von extrem rechten Veranstaltungen ermöglichen es Leuten, einzelne Teilnehmende später zu identifizieren und Verstöße und Straftaten, in die sie verwickelt sind, zu dokumentieren. Aber seid gewarnt, gute Bilder von einzelnen Gesichtern zu bekommen, ist viel schwieriger, als es aussieht. Auch Jahre
 nach Charlottesville werden immer
noch Teilnehmende identifiziert,
 teils anhand körniger und unscharfer Bilder.

#30 Seid gleichauf mit der Ausrüstung

Unter dem Titel »Don’t be outgunned« ist im Original aufgeführt »If it is legal in your area and consistent with your beliefs, consider coming to the demonstration with firearms. If the Far Right will be armed, there is an important psychological dimension to your side also bringing weapons. This should be done in a group. Make sure that all members scrupulously observe the law. It’s a skill to carry firearms in public, so train beforehand. Coming armed can be a contentious tactic, so be sure to communicate your intentions to other counter-demonstration organizers ahead of time so you can work out potential problems.«

★★★ Anmerkung: »Seid nicht unvorbereitet« gilt auch in Deutschland, es ist vorteilhaft auf politische Szenarien vorbereitet zu sein, sich hierbei aufeinander beziehen zu können und das eigene Handeln zu reflektieren. Kommuniziert euer Vorhaben und eure Strategien des Umgangs rechtzeitig an andere Gegendemonstrant_innen und Organisationen, um mögliche Probleme zu besprechen. Klar ist: Im Gegensatz zu den USA herrscht in Deutschland ein striktes Waffenverbot auf Demonstrationen und Kundgebungen. Auch sogenannte »passive Bewaffnung« – also etwa Schutzausrüstung – ist untersagt. ★★★

#31 Spaltet die Neonazis, haltet die Genoss_innen zusammen

Im großen Ganzen sind alle, die gegen Neonazis sind, auf der selben Seite. Während es normal und hilfreich ist, zu diskutieren und sich auch uneinig zu sein, hilft ein öffentliches Auseinanderdriften und öffentlicher Streit der extremen Rechten.

Erinnert euch, dass #13 – »Treibt Keile zwischen Personen und Gruppen« – in beide Richtungen funktioniert. Die Rechten werden sich immer 
wieder öffentlich mit Dreck beschmeißen, wenn sie
 persönlichen oder politischen Zwist haben. Das offenbart uns ihre wunden Punkte und macht eine rechte Einheit für sie schwerer zu erreichen. Also lasst sie keinen Vorteil aus dieser Dynamik ziehen.

Anstatt Konflikte öffentlich auszutragen, diskutiert sie direkt mit den Beteiligten. Lernt andere
 Aktivist_innen kennen, bildet Bündnisse und
 baut Beziehungen auf gegenseitigem Respekt und dem gemeinsamen Wunsch nach einer Welt ohne Faschismus 
auf. Sollte das nicht möglich sein, versucht wenigstens, euch in Ruhe zu lassen. Meinungsverschiedenheiten sind unvermeidlich – Drama ist es nicht.

V. Seid unterstützend

#32 Unterstützt Menschen, die bedroht werden

Neonazis bedrohen Menschen. Im echten Leben kann die Unterstützung von Betroffenen einen Begleitschutz für sie oder ihre Familien, Besorgungen für sie zu machen und die Bewachung ihrer Häuser im Falle eines Angriffes beinhalten. Online könnte dies bedeuten, ihnen zu helfen, ihre Onlinepräsenz zu löschen, Sicherheitstools bei Accounts hinzuzufügen oder herauszufinden, wer sie bedroht.

#33 Richtet einen sicheren Rückzugsort ein

Ein sicherer Rückzugsort (safe house) kann schon ganz einfach bei einer Person sein, die in der extremen Rechten nicht bekannt ist und die einen Platz anbieten kann, an dem Menschen im Notfall bleiben können. Diese Leute müssen nur sicherstellen, dass sie immer erreichbar sind.

#34 Helft den Familien der Opfer

Zwischen 2008 und 2019 wurden über 360 Menschen in den USA von Neonazis ermordet, was bedeutet, dass tausende Menschen Familienangehörige verloren haben. Nehmt Kontakt zu ihnen auf und bietet den Angehörigen der Ermordeten eure Unterstützung an. Das kann bedeuten, Geld für die Kosten der Beerdigung zu sammeln, ihnen zu helfen, mit Bedrohungen umzugehen und sie dabei zu unterstützen, ihr Leben wieder weiter leben zu können.

#35 Helft den Verletzten

Zu den Ermordeten kommen Tausende, die von Neonazis verletzt wurden. Nehmt Kontakt zu den Opfern auf und findet heraus, wie ihr sie unterstützen könnt. Sie brauchen möglicherweise Geld, Hilfe bei Rechtsfragen, Besorgungen oder vielleicht braucht es auch nur eine Schulter, um sich auszuweinen. Wenn die Opfer Anzeige erstatten wollen und ihr das mit euren Überzeugungen vereinbaren könnt, bietet an, sie durch den Prozess zu begleiten. Wenn sie ein Hassverbrechen melden, aber nicht den Rechtsweg gehen wollen, empfehlt ihnen Organisationen wie PUAH (Portland United Against Hate), die Hassverbrechen erfassen und dokumentieren, ohne die Behörden einzuschalten.

★★★ Anmerkung: Auch in Deutschland gibt es verschiedene Meldestellen, bei denen ihr rassistische oder antisemitische Vorfälle melden könnt und diese erfasst werden, ohne dass dafür eine Anzeige erstattet werden muss. Antisemitische Vorfälle können zum Beispiel bei RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) gemeldet werden. Der »Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt« setzt sich in Deutschland dafür ein, dass Opfer rechter Gewalt bundesweit Zugang zu professionellen, unabhängigen, kostenlosen und parteilich in ihrem Sinne arbeitenden Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen erhalten. ★★★

#36 Unterstützt die juristisch Verfolgten

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Strafverfolgungsbehörden wesentlich lascher mit Neonazis umgehen als mit ihren Gegner_innen. Daher werden diejenigen, die sich gegen Neonazis engagieren, oft in Strafverfahren verwickelt. Angeklagt zu werden und einen Gerichtsprozess durchzustehen, sind belastende und oft teure Erfahrungen. Beim Aufbau einer starken Community solltet ihr sicherstellen, dass die Aktivist_innen in solchen Fällen unterstützt werden.

#37 Unterstützt inhaftierte Aktivist_innen

Aktivist_innen, die sich weigern, vor Geschworenen auszusagen oder die verurteilt werden, können im Gefängnis landen und das ist teuer. Gefangene können leicht tausende Dollar im Jahr für Einkäufe, Telefonanrufe und Bücher ausgeben – und dabei sind noch nicht einmal Anwalts- und Gerichtskosten berücksichtigt. Familien brauchen gegebenenfalls Hilfe im Alltag oder finanzielle Unterstützung, um Inhaftierte zu besuchen. Stellt sicher, dass die Gefangenen über Briefe, Mails, Anrufe und Besuche Kontakt zur Außenwelt haben. Zusätzlich zu Spendensammlungen könnt ihr auch Treffen zum gemeinsamen Briefeschreiben organisieren.

#38 Warnt Menschen, die bedroht werden

Neonazis sind äußerst gewalttätig – in Worten und Taten. Wenn ihr sie beobachtet, werdet ihr unweigerlich auch Drohungen gegen lokale Organisationen und Einzelpersonen mitbekommen. Warnt die Betroffenen vor diesen Drohungen und falls es nötig sein sollte, stellt sicher, dass eure Quellen anonym bleiben.

#39 Macht Drohungen und Angriffe öffentlich

Schon Gewaltandrohungen können emanzipatorische Aktivist_innen zum Schweigen bringen, wenn sie die Sozialen Medien verlassen und damit ihre öffentliche Wahrnehmung eingegrenzt wird. Und Mitglieder von historisch unterdrückten Gruppen – wie people of color, Jüdinnen und Juden, Muslim_innen, Frauen und LGBTQ+ Personen – werden immer ungewollte Aufmerksamkeit von der extremen Rechten bekommen. Bietet Unterstützung an. Das weitet auch den Kreis möglicher Bündnispartner_innen aus und schwächt den Erfolg der extremen Rechten.

Drohungen zu veröffentlichen, hilft sie unschädlich zu machen. Es entlarvt die Gewalt der extremen Rechten, schafft Sympathie für die Betroffenen und trägt dazu bei, einen Keil zwischen die Neonazis und diejenigen zu treiben, die zwar mit ihnen sympathisieren, aber vor Gewalt zurückschrecken.

#40 Unterstützt Communities extrem rechte Rekrutierungsversuche zurückzudrängen

Die extreme Rechte versucht oft,
 in bestehenden sozialen Gruppen Fuß zu fassen und sie entweder zu beeinflussen, in ihnen zu rekrutieren oder sie zu übernehmen – eine Taktik, die sich »Entrismus« nennt. In den vergangenen Jahren haben Neonazis aus verschiedensten Gruppen rekrutiert, wie Fußballfans, Online-Gamer_innen, Musiksubkulturen wie Skinheads, Black Metal, Neofolk und Punks, religiösen Gruppen, besonders Neuheiden, Satanistinnen sowie griechisch- und russisch-orthodoxe Christ_innen. In allen diesen Fällen haben antirassistische Mitglieder der Gruppen sich gegen die neonazistischen Rekrutierungsversuche gewehrt. Da diese Art von Abwehr am besten funktioniert, wenn sie von Menschen kommt, die bereits Teil der Community sind, fragt sie, wie ihr ihren Kampf unterstützen könnt.

Neonazis werden es aber auch bei progressiven Gruppen versuchen. In den letzten Jahren gab es Versuche, verschiedene Kämpfe zu infiltrieren, wie die Opposition gegen den Krieg in Nahost (»Palästinasolidarität«), die Kritik an der Wall Street und internationalen Handelsabkommen, den radikalen Umweltschutz und die Tierrechtsbewegung. Enttarnt sie und schmeißt sie raus.

Beispiel: Im Pazifischen-Nordwesten haben ÖkofaschistInnen in der radikalen Umweltschutzbewegung rekrutiert. Eine Gruppe »Operation Werewolf« beschrieb sich selbst als ein Kraftsport-Club für Männer mit radikal-ökologischen Ansichten – aber sie verbreiteten Rassismus und Antifeminismus. Toleriert nicht die Intoleranten.

★★★ Anmerkung: Als »Palästinasolidarität« gelabelte Judenfeindlichkeit gehört schon lange zum Standardrepertoire deutscher Neonazis. Wenn man so wollte, könnte hierzulande womöglich vielmehr die vermeintliche »Israelsolidarität« der Neuen Rechten als Entrismus bezeichnet werden – auch wenn diese Erklärung sicher zu kurz greift. ★★★

Bonusrunde

Zeigt eure größere politische Vision

Der Kampf gegen den Faschismus ist notwendig, aber nur ein Teilbereich in einem umfassenden Kampf gegen Ungleichheit. Er lässt sich mit linken Anwält_innen vergleichen, die Aktivist_innen vor Gericht verteidigen. Er ist zwar nötig und hat direkte und konkrete Auswirkungen, aber er wird die Pfeiler der Unterdrückung, auf denen unser politisches und soziales System basiert, nicht zum Einsturz bringen.

Eure Arbeit ist Teil eines größeren Kampfes – nicht nur gegen Rassismus und weiße Vorherrschaft – sondern gegen alle Formen der Unterdrückung. Neben dem strukturellen Rassismus in Behörden, Betrieben und auf dem Wohnungsmarkt gibt es immer wieder direkte Angriffe auf Migrant_innen, Geflüchtete und marginalisierte Menschen auf Grund von antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie Frauenfeindlichkeit. Arbeitet mit Aktivist_innen zusammen, die gegen diese Formen der Unterdrückung vorgehen, wann immer es geht. Macht klar, dass ihr nicht »nur gegen Faschismus« seid, sondern dass eure Aktionen Teil eines größeren Kampfes gegen Hierarchien und Unterdrückung sind – und für Gleichheit und
Freiheit – für alle Menschen in unserer Gesellschaft.

Über die Herausgeber in Deutschland

Herausgeber Redaktionskollektiv Antifaschistisches Infoblatt (AIB e.V.) Anschrift Redaktion Antifaschistisches Infoblatt (AIB), Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin V.i.S.d.P. Spencer Sunshine (NY/USA, Adresse s.o.), für die Anmerkungen mit Ulrike Müller (Adresse s.o.)

Das Antifaschistische Infoblatt (AIB) ist eine bundesweit berichtende Zeitschrift aus Berlin. Seit 1987 veröffentlicht es beständig Recherchen über Entwicklungen in der extremen Rechten und beobachtet gesellschaftliche Diskurse aus antifaschistischer Perspektive. Von Beginn an wurde die Zeitung durch ein ehrenamtlich arbeitendes Redaktionskollektiv im Eigenverlag herausgegeben, unterstützt von vielen Korrespondent_innen und Autor_innen.

www.antifainfoblatt.de 
https://twitter.com/AntifaInfoBlatt

Übersetzung Frederik Fuß

Vertrieb in Deutschland

Disorder Rebel Store | Kreuzberg 36
Mariannenstr. 49 | 10999 Berlin
Montag – Freitag: 13 Uhr bis 19 Uhr
Samstag – 12 Uhr bis 18 Uhr

www.disorder-berlin.de
https://twitter.com/DisorderRebel

Tel. +49 30 83038613

Mail: info@disorder-berlin.de

Schutzgebühr: 1 Euro
Über die Autor_innen

Spencer Sunshine
Dr. Spencer Sunshine forscht und engagiert sich seit über 15 Jahren gegen die extreme Rechte. Er ist Hauptautor vom 2016 erschienenen Report »Up in Arms – A Guide to Oregon’s Patriot Movement«, der vom »Rural Organization Project« veröffentlicht wurde. Zurzeit arbeitet er an verschiedenen Manuskripten über die us-amerikanische neo-faschistische Bewegung.

Siehe auch www.spencersunshine.com für Links zu seinen Texten und folgt ihm auf Twitter @transform6789. Diese Broschüre wurde durch die Unterstützer_innen bei Spencers Patreon Account möglich – patreon.com/spencersunshine.

PopMob (Popular Mobilization)
Kurz für Popular Mobilization. PopMob ist eine Gruppe von Portlander_innen, die sich um ein gemeinsames Ziel vereinen: Menschen zu inspirieren, aufzustehen und Widerstand gegen die »Alt-Right« zu leisten – mit guter Laune und Kreativität. Wir sind Aktivist_innen und Organizer_innen aus vielen verschiedenen Gruppen und Themenfeldern, zum Beispiel Gewerkschaften, Kunst, Bildung, Gesundheitsversorgung und mehr. Wir glauben nicht, dass die Menschen in Oregon wollen, dass sich die »Alt-Right« ausbreitet und wir wissen, wir können sie als eine starke Community zurückdrängen.

Du kannst uns auf Twitter, Instagram und Facebook folgen: @popmobpdx oder www.popmobpdx.com

BACK COVER

» Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. «

Der Schwur von Buchenwald, 19.April 1945